Von den ersten Gedanken bis zur Abreise
Wie ich auf den Gedanken gekommen bin, meinen Zivildienst nicht in Deutschland zu leisten, weiß ich auch nicht genau. Auf jeden Fall wollte ich nicht eines meiner, des Alters wegen, produktivsten Jahre für einen ganz normalen Zivildienst hergeben, ich wollte etwas „Anderes“ machen. Durch Internetrecherchen erfuhr ich dann, dass es die Möglichkeit gibt, im Ausland einen Ersatzdienst zu leisten. Dies klang durchaus attraktiv, denn ein Jahr im Ausland wird mir in meiner Entwicklung und Persönlichkeitsfindung bestimmt nicht schaden.
Es stellte sich schnell die Frage, welches das geeignetste Einsatzland ist. Ich schloss ein Engagement in Europa aus, denn das war mir nicht weit genug weg. Südamerika wurde von vielen ehemaligen Freiwilligen besonders gelobt, doch spreche ich weder Spanisch noch Portugiesisch, daher konzentrierte ich mich erst einmal auf andere Regionen. Auch Asien war wegen der Sprache kein Kandidat, Nordamerika und Australien sind zu hochentwickelt. Also blieb nur noch Afrika übrig, was nicht heißt, dass es eine Notlösung war. Vielmehr war Afrika von Anfang an mein Favorit. Schon seit meiner Kindheit faszinierte mich der schwarze Kontinent. Damals war es wohl eher noch Flora und Fauna, was mich faszinierte, doch mit dem Alter kam auch das Interesse für Politik und die Menschen.
Nachdem Afrika als Kontinent feststand, musste ich mich für ein Land entscheiden. Schlussendlich bevorzugte ich ein englischsprachiges Land gegenüber einem französischsprachigem. Mit diesen Voraussetzungen begann ich mit der Suche nach einer Entsendeorganisation. Zuerst wurde ich vorzeitig gemustert. Trotz „hässlicher, entenartiger Plattfüße“ wurde ich auf T1 gemustert, den Wehrdienst verweigerte ich noch im Kreiswehrersatzamt in Bamberg. Da ich nun offiziell Kriegsdienstverweigerer war, konnte ich mich bewerben. Ich schrieb unzählige Mails und Briefe, bekam viele Absagen und einige Einladungen zu Kennenlernseminaren. Ich war in Koblenz bei einem Seminar von Eirene. Es war ein sehr schönes Wochenende und ich konnte mich erstmals mit Gleichgesinnten austauschen. Wenige Wochen später wurde ich von Eirene zu einem Auswahlseminar ,wieder nach Koblenz, eingeladen. Ob es nun daran lag, dass ich Atheist bin, dass ich mit Krücken und daraus resultierend mit schlechter Laune kam oder woran auch immer, weiß ich nicht, auf jeden Fall wurde ich nicht genommen. Ich war sehr enttäuscht und erst einmal Ratlos. Als nächstes hatte mich der BDKJ Bayern zu einem Auswahlseminar eingeladen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich nach München fahren sollte, denn es ist schließlich eine katholische Organisation und ich bin nun mal Atheist. Ich bin dann doch mit dem Zug nach München gefahren. Es war ein informativer Vormittag mit Gruppen- und Einzelgesprächen. In einem abschließenden Gespräch sagte mir der Verantwortliche vom BDKJ Bayern, dass er meine direkte und ehrliche fränkische Art mag und dass ich der einzige Bewerber bin, der weiß, dass er nicht die Welt retten kann. Ich sei sein Favorit. Am nächsten Tag haben sie mir ohne Nennung von Gründen abgesagt. Immerhin habe ich noch ein bisschen was von München gesehen. Nach meinen Erfahrungen in Kenia bin ich allerdings ganz froh, dass ich in keinem Projekt gelandet bin, das zu viel mit der Kirche zu tun hat, denn ich habe hier viele schlechte Erfahrungen gemacht.
Nach weiteren Absagen per Mail und Telefon hatte ich mich schon bei der Johannes Schule in Scheßlitz beworben, um dort einen normalen Zivildienst in einer guten Schule für behinderte Kinder zu leisten. Eines Tages bekam ich dann einen Anruf von Sobia e.V., der sehr lang dauerte und die Funktion eines Auswahlseminares hatte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon vergessen, dass ich mich dort überhaupt beworben hatte. Kurz darauf kam eine Mail, die besagte, dass ich angenommen bin. Ich wurde zu einem Vorbereitungsseminar nach Erfurt eingeladen, welches leider etwas unglücklich terminiert war, denn ich verpasste den ersten Tag, da ich an diesem Abend mein Abiturzeugnis bekam. Das Seminar war schön und informativ, ein paar Fallbeispiele weniger hätten aber auch gereicht. Ich muss zugeben, ich fühlte mich nicht wirklich vorbereitet. Mein Projekt sollte eine private Schule in Gilgil in Kenia sein.
Der nächste Schritt war Spenden zu sammeln. Da die Regierung das weltwärts Programm drastisch gekürzt hat, bekamen wir kaum finanzielle Unterstützung vom Staat. Man muss bedenken, dass Zivildienstleistende in Deutschland im Monat bis zu 600 € verdienen. Für meinen Dienst im Ausland bekam ich keinen Cent, vielmehr musste ich alle aufkommenden Kosten durch Spenden aufbringen und den Flug selbst bezahlen. Außerdem dauert der Ersatzdienst zwei Monate länger. Ich sammelte also 3200 €. Es ist nicht einfach, Spenden für sich selbst zu sammeln, man hat irgendwie immer ein schlechtes Gefühl. Ich danke an diesem Punkt nochmal allen privaten und gewerblichen Spendern, sowie dem Lions Club. Das Sammeln zog sich leider recht lange hin, dazu kamen die medizinischen Vorbereitungen (unzählige Impfungen) sowie organisatorische Sachen. Am 15. Oktober 2010 hob mein Flieger vom Nürnberger Flughafen ab, begleitet von den Tränen meiner Schwester. Der Start in ein langes Abenteuer war geschafft.
Der zeitliche Ablauf
Am Flughafen in Nairobi holten mich Sven, Moritz und Sammy ab, um mir eine sinnlose Odyssee, wie sie Sven und Moritz durchlebten, zu ersparen. Sven und Moritz sind ebenfalls Freiwillige von Sobia, mittlerweile sind wir alle gute Freunde und haben viel zusammen gemacht. Sven arbeitete auch in Gilgil an Schulen, Moritz in einem Theater in Nakuru und später in einem Masai Witwen Projekt in der Nähe von Narok. Die ersten drei Tage verbrachte ich in Svens Gastfamilie, denn meine Gastmutter kam nicht, um mich abzuholen. Svens Gastmutter Jane meinte, das liegt daran, dass sie Alkoholikerin ist. Was für ein toller Start. Die ersten Wochen fand ich sehr hart. Das Leben in Kenia kann man einfach nicht mit Europa vergleichen. Alles ist anders. Da ich auch irgendwie nichts zu tun hatte, bekam ich sehr schnell Heimweh. Ich vermisste meine Familie und Freunde, deutsche Standards und das tolle fränkische Essen. Ich gebe gerne zu, dass auch ein 20 jähriger, werdender Mann Tränen vergießen kann, wenn das Heimweh Überhand nimmt. Allerdings halte ich Heimweh für keine schlechte Sache. Es wäre ja traurig, wenn ich meine Heimat nicht vermissen würde.
Die ersten Tage in meiner Schule zeigten mir, hier werde ich nichts zu tun haben. Die Westway School ist eine top Privatschule, mit genügend Personal, gut ausgebildeten Lehrern und fast ausnahmslos reichen Kindern. Außerdem funktioniert Unterricht in Afrika ganz anders als bei uns. Kaum hatte ich mich ordentlich eingelebt, da waren auch schon Ferien. Den Kindern kann man das ja nicht verwehren, aber ich wusste erst einmal nicht, was ich jetzt machen sollte. Sven und ich machten eine lange Rucksackreise durch den Nordwesten Kenias, voller Abenteuer. Es war ein super Ausflug, um das Land und die Leute kennenzulernen. Wir waren an den entlegensten Orten, wo kleine Kinder ihre Wassereimer weggeworfen haben und um ihr Leben gerannt sind, als sie uns sahen, denn sie hatten noch nie Weiße gesehen.
Als die Schule Anfang Januar endlich wieder losging, habe ich mir ein neues Projekt gesucht. Ich bin einfach nach Gilgil gelaufen, habe an der erstbesten Schule geklopft und gesagt, ich würde gerne bei euch arbeiten. Gesagt, getan. Glücklicherweise gab es dort drei Sonderklassen für geistig behinderte Kinder, bei denen jede Hilfe gerne angenommen wurde. Im Januar war ich noch abwechselnd in der Westway School und in der Township School, aber schlussendlich war ich nur noch in meiner neuen Schule. Ich half bei allen Arbeiten, die anfielen. Außerdem trainierten wir drei tolle Monate lang für die Special Games, eine Art Paralympics. Meine Kinder haben sehr gut trainiert und gute Ergebnisse erzielt. Mitte April waren wieder Ferien, dies nutzte meine Familie um mich zu besuchen. Ich konnte ihnen endlich zeigen, wo ich das letzte halbe Jahr verbracht habe. Anfang Mai ging die Schule gleich wieder los, außerdem war Svens Einsatz beendet, Moritz folgte ihm drei Wochen danach. Es folgten nochmal drei produktive Wochen in der Special Unit bis auch mein Einsatz zu Ende war. Der Abschied von meiner Gastfamilie war weniger herzlich, der von den behinderten Kindern dafür umso mehr. Ich werde sie vermissen.
Westway School Gilgil
Mein eigentliches Projekt war die Westway School Gilgil. Meine Gastmutter ist die Managerin der Schule, welche sie mit eiserner Hand regiert. Ich gebe zu, es ist nicht ganz einfach, die ganzen Schulgebühren einzutreiben, trotzdem mochte ich die Art, wie sie mit den Kindern und den Lehrern umgegangen ist, nicht. Die Schule befindet sich in einem guten Zustand, sowohl die Gebäude als auch die Außenanlagen. Die Lehrer können alle einwandfrei Englisch und sind sehr gut ausgebildet. Allerdings weiß ich nicht, warum nur männliche Lehrer unterrichten. Die Grundschulklassen eins bis drei sowie die Kindergartenklassen werden hingegen von Lehrerinnen betreut. Außerdem kümmert sich eine Gruppe von fünf Arbeitern und Arbeiterinnen um die Außenanlagen, das Essen und die Internatsgebäude. Es werden an der Schule ca. 350 Kinder unterrichtet, die Hälfte davon leben in der Schule. Auch die Lehrer wohnen in der Schule. Unterricht wird an sechs Tagen pro Woche gehalten. Die Klassen sieben und acht haben ihre erste Stunde um 5 Uhr, die letzte endet um 20 Uhr.
Dies zeigt, wie effektiv so eine Schule arbeitet. Obwohl die Kinder talentiert sind und gute Lehrer haben, ist doch die Art zu unterrichten, sehr ineffektiv. Die Kinder lernen nicht wie man lernt, sondern es wird ihnen vielmehr durch unendliche Wiederholungen eingeflößt. In der Grundschule funktioniert das, doch für das Studium und die weiterführenden Schulen ist das sehr hinderlich. Nichtsdestotrotz erzielten die Schüler der Westway Schule sehr gute Ergebnisse in ihrer Abschlussarbeit. Ein Schüler erzielte das neunt beste Ergebnis des Bundeslandes (Province). In den ersten Wochen habe ich dem Unterricht beigesessen, um zu sehen, wie man in Kenia unterrichtet. Die Art und Weise hat mir nicht gefallen. Die Lehrer erklären den Kindern etwas, danach sagen sie den gleichen Satz noch einmal und lassen irgendwas weg, was die Kinder dann im Chor einsetzen müssen. Nahezu jeder hat dies in seine Sprechweise aufgenommen. Wenn man sich mit Erwachsenen unterhält, kommt es oft vor, dass sie einfach Wörter weglassen und dann erwarten, ich würde wie ein Schulkind ihren Satz beenden. Da kommt man sich total blöd vor. Kinder werden im Unterricht auch nie nach ihrer Meinung gefragt, im Allgemeinen lernen die Kinder nicht zu denken, sondern nur auswendig.
Kurz vor Jahresende (das Schuljahr endet Anfang Dezember und beginnt im Januar) durfte ich dann meine ersten Unterrichtsstunden halten. Meine erste Stunde war Mathematik. Ein Lehrer sagte, er muss kurz was erledigen, drückte mir das Buch in die Hand und meinte, Seite 48. Da stand ich also, 40 Kinder schauen mich an und warten, dass ich ihnen etwas beibringe. Es ging erstaunlich gut, dass ich Mathematik sehr mag und sie auch beherrsche, hat mir dabei bestimmt geholfen. Meinen Unterricht habe ich nicht wie die kenianischen Lehrer gehalten, sondern versucht die Kinder mit einzubeziehen. Das ging am Anfang gar nicht, aber die Schüler merkten schnell, dass man so viel mehr lernt und dass es auch etwas Spaß macht. Besonders toll fanden sie es, wenn sie an der Tafel etwas vorrechnen durften. Ich unterrichtete dann auch Englisch (ich hätte nie gedacht dass ich mal Englisch unterrichte) und Science. Allerdings fehlten mir da einige englische Fachwörter. Als ich mich einige Wochen lang eingearbeitet hatte, war das Schuljahr vorbei und die Examen wurden geschrieben. Als Ausländer durfte ich die Schule dann nicht mehr besuchen. Anfang Januar ging die Schule dann wieder los und ich hoffte, mindestens sechs Unterrichtsstunden pro Tag zu bekommen, schließlich war ich dort um zu arbeiten. Allerdings hatten wir einen neuen Direktor und der versicherte mir, er muss sich um gute Noten kümmern und er braucht mich nicht. Ich bekam sechs Stunden Deutschunterricht pro Woche und war sehr enttäuscht. Ich suchte mir schnell eine andere Schule. Anfangs unterrichtete ich in beiden Schulen parallel. Nach einem enttäuschenden Deutschtest sagte ich den Kindern und der Westway Schule Tschüss und arbeitet fortan nur noch in der neuen Schule.
Township School, Special Unit
Mein wirklicher Freiwilligendienst begann für mich erst als ich eines schönen Tages in die Township Schule gelaufen bin und gesagt habe, ich werde jetzt hier arbeiten. Die Township Schule ist eine öffentliche Schule mit mehr als 1000 Schülern. Es gibt Klassenstärken von 30 bis 70 Kindern. Pro Jahrgang gibt es meistens drei Klassen, nämlich Saturn, Mars und Jupiter. Dass dies Planeten sind und die Sonne umkreisen weiß natürlich keiner, weder Lehrer noch Schüler. Als ich einigen Lehrern erklären wollte, wie das im Weltall so aussieht, meinten sie schnell, ich erzähle doch Mist. Die Sonne dreht sich um die Erde. Die jeweiligen Kirchen hatten das so tief eingestampft, dass alle Erklärungsversuche sinnlos waren. Das besondere an der Township School ist die Special Unit, eine Abteilung für behinderte Kinder. Alle Kinder, ca. 60, sind geistig behindert, woraus sich auch körperliche Behinderungen ergeben. Je nach Alter und Können sind sie in drei Klassen aufgeteilt. Ich habe immer in der Klasse mit den ältesten und begabtesten Kindern gearbeitet, denn da konnte ich am meisten helfen. 34 Kinder wohnen in einem Gebäude auf dem Schulgelände.
Am Anfang habe ich die meiste Zeit in der dritten Klasse verbracht und ab und zu einer Lehrerin der normalen Schule beim Englischunterricht geholfen oder Aufsätze korrigiert. Allerdings konnte ich die Lehrerin überhaupt nicht leiden, denn Respekt und Aufmerksamkeit konnte sie sich nur mit dem Stab erschlagen. Außerdem hat sie mich andauernd korrigiert, auch wenn ich nahezu immer Recht hatte. Schlussendlich war ich dann täglich von 8 Uhr bis 16 Uhr in der dritten Klasse mit den ältesten behinderten Kindern. Dort habe ich einfach alles gemacht, was anfiel. Entweder ich habe beim normalen Unterricht geholfen, indem ich Mathe aufgaben korrigiert habe oder englische Sätze verbessert habe. Wenn ich Zeit hatte, konnte ich mich um einzelne schwere Fälle kümmern. Ich habe beim Handwerken geholfen, beim Ball aufpumpen, beim Schuhe binden usw. Ich habe die Tafeln neu gestrichen (Tafel heißt ein schwarzes Stück Wand), Stühle zusammengebaut, Hasenställe gebaut, Karottenfelder angelegt, Holz gehackt, Weißkohl geschnitten und eine Dining Hall gebaut. Eben einfach alles was in einem großen Haushalt so anfällt. Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, die Kinder sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich auch ihnen. Meine Kollegen waren toll und ganz anders als die Lehrer der normalen Schule. Es wurde nie ein Kind geschlagen. Ich bin mit den Kindern auch zum Frisör und ins Krankenhaus gegangen.
Ein Großprojekt waren die Special Games, so etwas ähnliches wie Paralympics. Wir haben wochenlang zusammen trainiert. Früh am Morgen sind wir viele Runden um den Pausenhof gerannt (eine große Wiese), dann wurde Fußball oder Handball gespielt, außerdem Diskus geworfen und Kugel gestoßen. Die Kinder waren super drauf und dann ging es nach Nakuru zu den Special Games auf District Ebene (sowas wie Landkreis). Dort haben wir nahezu alles gewonnen. Eine Woche später waren die Games auf Provincial Eben (Bundesland). Auch dort haben wir gut abgeschnitten und viele Siege geholt. Bei diesem Event habe ich auch eine Nacht mit den Kindern in Nakuru verbracht. Das war eine verrückte Nacht. Sechs Kinder haben sich dann für die nationalen Wettkämpfe qualifiziert und sind nach Mombasa gefahren, wo unsere Province den Fußballcup gewonnen hat.
Ich war sehr traurig als ich die Kinder verlassen musste.
Kinderheim Saidia
An den Wochenenden und während der Ferien war ich unregelmäßig im Kinderheim Saidia (Helfen). Svens Gastmutter und Mama aller Freiwilligen ist dort die Managerin und sie ist wirklich eine großartige Frau. Sie kümmert sich um jedes Kind, als wäre es ihr eigenes. Neben dem Kinderheim leitet sie auch noch Essensprojekte und vermittelt Schulpatenschaften. Wer Interesse hat, meldet sich bitte bei mir. Mit wenig Geld kann man viel helfen und ich versichere, dass es direkt beim Kind ankommt. Alle Kinder im Kinderheim sind Waisenkinder und sind zwischen wenigen Monaten und 20 Jahre alt. Jeder hilft jedem und jeder hilft mit. Im Kinderheim war ich eigentlich nur, um mit den Kindern etwas zu spielen, sodass sie mal etwas Abwechslung hatten. Besonders wenn ich die ganz kleinen Babys gesehen habe, wurde ich immer traurig, denn die Vorstellung, dass sie nie mit ihren Eltern reden können, ist wirklich schlimm.
Sobia e.V.
Meine deutsche Organisation, die mir meinen Aufenthalt in Kenia geplant hat und als Vermittler zwischen dem Bundesamt für Zivildienst und mir unabdinglich ist, heißt Sobia. Ich hatte mich irgendwann beworben und nach einem langen Gespräch mit Heiner Häntze, dem Kopf der Organisation, wurde ich zu einem Kennenlern- und Vorbereitungsseminar nach Erfurt eingeladen. Es war ein schönes und informatives Wochenende, leider habe ich den ersten Tag wegen meinem Abiball verpasst. Zu hundert Prozent auf einen monatelangen Aufenthalt auf einem völlig fremden Kontinent vorbereitet fühlte ich mich aber nicht. Einen Sprachkurs habe ich auch vermisst.
Mit der kenianischen Partnerorganisation hatten wir wirklich Pech. Sie nutzte die Unerfahrenheit der jungen Organisation aus um Geld zu machen. Die Projekte waren bei allen Freiwilligen nicht wirklich gut ausgewählt, denn wir wurden eigentlich nicht gebraucht. Die Gastfamilien waren allerdings hervorragend (bei mir zumindest mein Zimmer und die Wohnung). Durch Svens schlechte Erfahrungen holte er mich direkt vom Flughafen ab, was mir viel Geld sparte, denn die kenianische Organisation sah einen längeren, aber sinnlosen, Aufenthalt in Nairobi vor, der nur dazu diente, der Schwester des Chefs ein wenig Geld zu besorgen. Die kenianische Organisation bezahlte unsere Gastfamilien und behielt als Bearbeitungsgebühr einen meiner Meinung nach viel zu großen Teil. Im Dezember kam dann gar kein Geld mehr an und die ganze Organisation schien wie vom Erdboden verschluckt. Ab dann übernahmen die Zivis die Bezahlung selbst, wobei das gesamte Geld bei den Familien landete. Wenn es Fragen gab, dann war der Heiner stets zu erreichen und antwortete schnell. Einzig bei der Visafrage konnte er uns nicht wirklich helfen, allerdings wussten weder die Beamten der deutschen Botschaft in Nairobi Bescheid, noch die Beamten der kenianischen Botschaft in Berlin, noch die Immigration Officer vor Ort. Durch die Zusammenarbeit mit der neuen kenianischen Partnerorganisation sehe ich gute Impulse, denn Moritz hatte in deren Projekt zu tun und ich denke, dass es ihm Spaß gemacht hat. Bei Sobia muss sich noch einiges verbessern, allerdings sind sie auf einem guten Weg. Die Arbeit im Internet mit Blog und Foren ist besonders hervorzuheben.
Meine Gastfamilie
Meine Gastfamilie bestand aus Anne, meiner Gastmutter und deren Tochter Catherine, die gerade von der Secondary School kam. Um es mal zusammenzufassen: Ich denke ich habe mehr mit unserer Haushilfe geredet als mit den beiden. Anne hat mich erst nach drei Tagen von Sven abgeholt, anscheinend weil sie andauernd betrunken war. Dann gab es die ersten zwei Monate nie etwas zu Essen im Haus, obwohl mein Vertrag mit ihr auch Essen enthält. Also musste ich mir selber was besorgen. Sie kam erst mitten in der Nacht nach Hause und am Morgen ging ich vor ihr, also haben wir uns nie gesehen. Als Managerin einer privaten Schule hat sie bestimmt viel zu tun, aber ich denke die Scheidung von ihrem Mann, der mit zwei weiteren Töchtern in den USA lebt, macht ihr noch zu schaffen. Als dann meine Gastschwester kam, erhoffte ich mir etwas Gesellschaft, allerdings saß diese nur vor dem Fernseher und zwar mit erstaunlicher Ausdauer. Weil die beiden absolut faul waren und wegen der Schule genügend Geld im Haus war, haben die beiden weder Wäsche noch Teller gewaschen und ein oder zweimal pro Woche kam eine Haushälterin, die zugleich Friseuse ist. Mit Purity habe ich mich ehrlich mehr unterhalten als mit den anderen beiden. Mit Svens Gastfamilie habe ich mich definitiv auch mehr unterhalten als mit meiner. Seitdem Sven weg war, habe ich sie fast täglich besucht, weil sie meinten, ich wäre zu einsam. An meinem letzten Samstag haben wir zusammen gegessen, zu meiner Familie habe ich bloß Tschüss gesagt.
Fazit
Ich werde es nie bereuen, meinen Zivildienst in Kenia abgeleistet zu haben. Ich habe viele Dinge über mich, über Afrika und Kenia gelernt, habe gute und schlechte Sachen gesehen und habe gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Es war etwas schade, dass mein Projekt nicht so zufriedenstellend, arbeitsintensiv und effektiv war, aber am Ende habe ich dann doch noch was sinnvolles gemacht. Ich hoffe und denke, dass Sobia aus unseren Erfahrungen gelernt hat und bin mir sicher, dass es neuen Freiwilligen einen Attraktiven Dienst bieten kann. Ich hoffe außerdem, dass Kenia die Korruption überwinden kann, um den Einwohnern ein besseres Leben zu ermöglichen.